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Grippeimpfung: Kleiner Pieks mit großer Wirkung

Was moderne Schutzimpfungen im Kampf gegen Influenza & Co. leisten?

Die echte Virus-Grippe, auch Influenza genannt, ist sehr ansteckend und verbreitet sich regelmäßig weltweit in einem rasanten Tempo: Allein in Deutschland stecken sich Jahr für Jahr zwischen zehn und zwanzig Prozent aller Bundesbürger mit dem Erreger an. Der Grund: Das Virus hat die Fähigkeit, sich ständig zu verändern und schafft es so, nahezu jedes Jahr einen neuen Stamm zu bilden.

Warum soll ich mich jedes Jahr gegen die Virusgrippe impfen lassen?

Auch in diesem Jahr erscheint die Virus-Grippe wieder in einem anderen Kleid. Die Folge: Auch wenn unser Abwehrsystem über eine ausreichende Menge an Antikörpern gegen die Virus-Grippe vom letzten Jahr verfügt und noch so gut trainiert sein mag: Unser Immunsystem nimmt es ziemlich genau. Daher ist es leider sehr wahrscheinlich, dass die „alten“ Antikörper den neuen Stamm der Virus-Grippe nicht ausreichend gut genug erkennen.

Wieso ist der Influenza-Erreger so ansteckend?

Hauptübertragungsweg der Grippe-Erreger ist die Luft. Dort können Influenza-Viren in Form winziger, so genannter „Aerosol-Tröpfchen“ stundenlang umherschweben. Doch während einfache Schnupfen-Viren fast nur die Nasen- oder Rachenschleimhaut befallen und dort Beschwerden auslösen, die wir sofort bemerken, setzten sich Influenza-Viren in der Luftröhre oder schlimmstenfalls sogar in der Lunge fest. Das Problem dabei: Eine Entzündung der Luftröhre bleibt klinisch zunächst unbemerkt. Erst eine fortgeschrittene Entzündung macht durch Allgemein-Beschwerden wie Abgeschlagenheit, Krankheitsgefühl, Gliederschmerzen oder Fieber auf sich aufmerksam. Noch dazu sind Influenza-Viren in der Regel besonders aggressiv und können heftige Entzündungen auslösen.

Wie gefährlich kann so eine Grippe-Erkrankung werden?

Insbesondere bei Menschen, deren Immunabwehr ohnehin geschwächt ist, breitet sich die Influenza-Infektion im Körper besonders rasch aus. Die Folgen können mitunter verheerend sein. Denn wird das Abwehrsystem durch die Grippe-Erkrankung zu sehr überfordert, kann es passieren, dass auch bakterielle Krankheits-Erreger die „Gunst der Stunde“ nutzen und sich auf die bestehende Virus-Infektion „aufpfropfen“. Die ohnehin angeschlagene Immunabwehr hat es dann plötzlich mit zwei Infektionen gleichzeitig zu tun. Der Fachmann spricht in diesem Fall von einer "bakteriellen Super-Infektion", die auch dann noch andauern kann, wenn die Virusgrippe selbst bereits ausgeheilt ist. Diese "Super-Infektionen" können eine so erhebliche Belastung für den Körper darstellen, dass sie als eine der Hauptursachen für den tödlichen Ausgang von Influenza-Infektionen gelten.

Wer sollte sich gegen Grippe impfen lassen?

Im Grunde spricht nichts dagegen, dass sich jeder gesunde Mensch einmal im Jahr gegen Grippe impfen lässt.

Besonders gefährdet sind allerdings alle Personen, die

  • mit vielen anderen Menschen in Kontakt kommen
  • im Falle einer Infektion besonders anfällig für Komplikationen sind
  • bei denen zu erwarten ist, dass sie eine Virusgrippe schlecht vertragen
  • Personen, die über weniger Kraftreserven verfügen
  • Menschen, die viel unter Stress stehen

Zu empfehlen ist eine Grippeschutzimpfung daher

  • Personen, die im medizinischen oder pflegerischen Bereich tätig sind 
  • Menschen, die im Einzelhandel arbeiten oder einer anderen Tätigkeit mit viel Personenkontakt nachgehen (z.B. Flug- oder Zugbegleiter, Bankangestellte etc.) 
  • Älteren und Jüngere Menschen mit chronischen Erkrankungen (insbesondere Herz-Kreislauf oder Lunge Menschen, deren Infekt-Abwehr geschwächt ist 

Wie funktioniert eine moderne Schutzimpfung?

Wie war es früher? 

Früher wurden bei den meisten Impfungen so genannte Lebend-Impfstoffe verwendet. Im Grunde handelte es sich dabei um normale Krankheits-Erreger, die in ihrer Aggressivität künstlich abgeschwächt wurden. Das Prinzip dahinter war so genial wie einfach: Menschen, die bei dieser "stillen Feiung" mit dem Krankheits-Erreger in Kontakt kamen, erkrankten nicht und waren in der Folge vor Ansteckung geschützt. Zwar konnte man das Immunsystem mit dieser Methode verhältnismäßig gefahrlos "trainieren", Lebend-Impfstoffe hatten aber zwei Nachteile: Erstens bestand immer noch das geringe – aber nicht zu leugnende – Risiko einer Infektion. Zweitens ließ sich die Vermehrung des abgeschwächten Erregers nur sehr schlecht steuern. Wenn sich der Erreger nur wenig oder gar nicht vermehrte, war der Trainings-Effekt für das Immunsystem entsprechend schwach – und die Schutzwirkung der Impfung damit eher fraglich. Vermehrte sich der Erreger dagegen sehr stark, reagierte das Immunsystem entsprechend heftig. Die Folge waren nicht selten stärkere Nebenwirkungen.

Und wie ist es heute? 

Mittlerweile hat sich in Sachen Schutzimpfung so einiges geändert: Die Krankheits-Erreger werden heute in Bruchstücke gespalten, die selbst nicht mehr vermehrungsfähig sind. Trotzdem haben auch die „Einzelteile“ noch immer dieselbe Struktur, wie sie im Krankheits-Erreger vorkommt. Das Abwehrsystem des Körpers erkennt die Bruchstücke als körperfremd und reagiert genauso als hätte es einen vollständigen Krankheits-Erreger vor sich.

Diese Impfmethode hat zwei ganz entscheidende Vorteile, denn 

  • das Risiko einer Infektion ist ausgeschlossen
  • die Menge an Bruchstücken ist genau bekannt und sehr gut steuerbar

Die Dosierung des Impfstoff wird so gewählt, dass sie

  • groß genug ist, um das Abwehrsystem wirksam zu trainieren
  • klein genug bleibt, um keine oder nur harmlose Nebenwirkungen zu verursachen

Falls man doch etwas spürt, dann spürt man lediglich die Reaktion seines eigenen Körpers, denn das körpereigene Abwehrsystem beseitigt die fremden Bruchstücke schnell, systematisch und widerstandslos. Sobald der Impfstoff im Körper aufgebraucht ist, beruhigt sich das Abwehrsystem sofort wieder.

Warum bin ich nach einer Impfung geschützt, obwohl ich gar nichts spüre?

Das Erfolgs-Geheimnis sind die rund eine Million verschiedenen Antikörper, über die unser Körper verfügt. Doch der Reihe nach:

Antikörper sind Eiweiß-Stoffe, die sich ganz gezielt an bestimmte Fremdstoffe anlagern, beispielsweise an die Bruchstücke eines Krankheits-Erregers. Jeder Antikörper erkennt dabei ganz genau einen bestimmten Fremdstoff – und zwar nur diesen einen.

Sobald sich der Antikörper an den Fremdstoff angelagert hat, wird eine biochemische Signal-Kaskade ausgelöst. Durch diese Signale werden die Abwehrzellen des Körpers dazu veranlasst, den Fremdstoff und den damit verknüpften Krankheits-Erreger gezielt zu elimieren. Diese Reaktion läuft so schnell und so gezielt ab, dass wir meistens gar nichts davon mitbekommen.

Gewissermaßen als Vorsichtsmaßnahme steigt Produktion des bestimmten Antikörpers auf Dauer an – falls der Krankheits-Erreger in Zukunft erneut auftritt. Je mehr Antikörper schließlich vorhanden sind, desto schneller wird der Krankheits-Erreger gezielt bekämpft.

Bei einer modernen Schutzimpfung läuft dieser Immunisierungs-Prozess genauso ab wie bei einer natürlichen Infektion; mit dem kleinen Unterschied, dass die Schutzimpfung keinen vermehrungsfähigen Krankheits-Erreger enthält und die Menge an Bruchstücken sorgfältig gewählt wird. So erklärt sich auch, weshalb eine moderne Schutzimpfung stets viel harmloser ist als eine echte Infektion.

Kann ich mich gegen jede Infektions-Krankheit impfen lassen?

Rein theoretisch-technisch wäre das zwar denkbar, doch gibt es Tausende verschiedener Krankheits-Erreger. Sich gegen alle impfen zu lassen, ist daher aus rein praktischen Gründen nicht möglich. Auch sind die meisten Krankheits-Erreger relativ harmlos. So gibt es beispielsweise Hunderte verschiedener Schnupfen-Viren. Da theoretisch gegen jedes einzelne Virus geimpft werden müsst, stehen schon hier Aufwand und Nutzen einer systematischen Impfung in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zueinander.

Über Dr. Stephan de la Motte

Dr. de la Motte

Dr. Stephan de la Motte, Jahrgang 1957, ist seit über 20 Jahren in der medizinischen Forschung tätig. Als Chief Medical Officer bei Harrison Clinical Research in München betreut und verantwortet er bereits in der zweiten Dekade erfolgreich eine Vielzahl klinischer Studien zu Themen wie Diabetes Mellitus, Lungenerkrankungen und Magen-Darm-Beschwerden. Sein  Erfahrungsschatz aus über 160 Einzelstudien der Phasen I,II und III macht den Autor zahlreicher Fachbeiträge damit zu einem Ansprechpartner für viele medizinische Alltagsfragen.